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Boah, Beckmann!

Dienstag, Februar 27, 2007

(Foto: herrner) Originalgröße

So etwas kannte ich bisher nur aus dem Tatort oder aus amerikanischen Gerichtsfilmen.

Gestern Abend bei „Beckmann“ wurde der Gastgeber zum Kriminaloberkommissar, zum Staatsanwalt und zur vierten Gewalt in Person. Der Verhörte: Jan Ullrich.

War der freiwillig gekommen oder in Handschellen?

Von der vierten Gewalt spricht man, wenn man die Presse meint. Damit wird auf den kontrollierenden Einfluss der Presse gegenüber der Staatsgewalt durch öffentliche Meinungsbildung hingewiesen.

Manche Journalisten begreifen sich zudem als „investigativ“. Sie untersuchen genauestens (!), was hinter den Geschichten steckt und wollen um jeden Preis die Wahrheit heraus finden.

So auch gestern Herr Beckmann. Ich kannte diesen peinlichen Ansatz bereits aus seinem Gespräch mit der ehemaligen Irak-Geisel Susanne Osthoff. Den Umgang, den er Fernsehmoderator aber gestern mit dem Rennrad-Profi Jan Ullrich pflegte, erzeugte in mir Übelkeit. Es war mir sehr unangenehm, das mitanzusehen.

Jan Ullrich – gestern offiziell vom Profisport zurückgetreten – sollte Beckmann die Wahrheit sagen: Hat er gedopt, oder nicht?

„Ich muss auf meine Anwälte hören. Es gibt ja Ermittlungen gegen mich, in Bonn, da kann ich leider nichts sagen“, teilte Ullrich daraufhin mit. Eigentlich verständlich. Ermittlungen oder Strafanzeigen sind ja keine Kleinigkeit und jeder weiß: als Angeklagter sollte man Aussagen nur nach Absprache mit seinen Anwälten treffen. Vor allem in der Öffentlichkeit.

Die unangenehme Belästigung Beckmanns zum Thema Doping war dadurch aber nicht aufzuhalten. „Wir versuchen, zu verstehen, Jan!“ und eine wahre Antwort sei er seinen Fans schuldig, drängte der Moderator.

Eine Antwort vor laufender Kamera? Seit wann sind Fersehstudios Gerichtssääle?

Im Mittelalter, so Wikipedia, verstand man unter derart peinlichen Befragungen auch Verhöre – unter Anwendung der Folter.

Genauso wirkte die Sendung auf mich. Beschämend.

Beschämend auch, dass alle gängigen Magazine und Zeitungen wie Spiegel Online, Focus, die Welt oder die FAZ über diese Sendung berichten, als sei es das normalste der Welt, dass ein Beckmann in dieser Weise mit Gästen umgehen darf.

Wo bleiben die guten Gepflogenheiten der ARD?

Der Begriff „Vierte Gewalt“ wurde in der gestrigen „Beckmann“-Sendung im wahrsten Sinne des Wortes umgesetzt.

Aber ist das wirklich Journalismus?

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